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"Vierte Welt" von Werner Mally 




Warum malhalten?

Die 21 „malhalten„-Kirchen in der Region Tuttlingen / Rottweil formulieren in diesem Herbst 2011 ganz besondere Einladungen. Anlass für diese Einladungen sind Arbeiten von 21 Künstlerinnen und Künstlern, die in diesen Räumen zu Gast sind. Die Kirchenräume mit den sich darin versammelnden Kirchengemeinden verstehen sich als Gastgeber, um anlässlich der Besuche von Gegenwartskunst selber einmal innezuhalten bei der sich ins allzu Vertraute und damit ins Unbewusste verabschiedenden Wahrnehmung des eigenen Raumes und seiner jeweiligen festen künstlerischen Ausstattung. Als Gastgeber wollen sie die Gelegenheit des neuen (Wieder-)Sehens nutzen, wollen nach Wechselwirkungen von religiöser und ästhetischer Erfahrung fragen, wollen dabei in besonderer Weise aufmerksam sein für verschiedenste Positionen der Gegenwartskunst und wollen nicht zuletzt auch die sich sonst zu den Kirchen- oder zu den Kunstmuffeln Zählenden für die beiden Erfahrungsräume Kirche und Kunst interessieren.
Eine dementsprechend gastgebende Kirche ist also in keinem Sinne selbstlos, sondern erkennt, wie sie in der Begegnung mit dem Anderen und Fremden eine neue Perspektive auf das Eigene gewinnen kann. Kirchenräume und Kirchengemeinden öffnen sich für Kunst in erster Linie nicht um der Kunst willen, sondern um ihrer selbst willen. Es steht dabei nicht weniger als das eigene Selbstverständnis auf dem Spiel. Die verkündigte und erfahrene Freiheit des Glaubens gewinnt eine besondere Glaubwürdigkeit, wenn der Kirchenraum sich auch als Spielraum für freie Kunst öffnet. Ein derartiges Selbstverständnis der gastgebenden Kirche ist nur möglich jenseits des Widerstreits um eine wie auch immer behauptete Selbstständigkeit der Kunst. Die Frage nach der Autonomie der Gegenwartskunst im Kirchenraum sollte deshalb auch als beantwortet betrachtet werden. Die Debatten, die die Kirche-Kunst-Dialoge insbesondere in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bestimmt haben, sind hoffentlich Geschichte. Vielleicht ist es erst in unseren Tagen möglich, Kunst im Kirchenraum in ihrer „Zweckmäßigkeit ohne Zweck„ zu würdigen (Kant, Kritik der Urteilskraft; Erster Teil, I. Abschnitt, 1. Buch § 15-17).
Kunst in der Kirche, insbesondere im Rahmen von temporären Interventionen oder Ausstellungen, dient nicht einem konkreten Verkündigungsauftrag der Kirche, sondern tritt mit einem gänzlich eigenen Selbstverständnis in einen, freilich geprägten, ortsspezifischen Kontext ein. Auf diese Umgebung beziehen sich Künstlerinnen und Künstler mit strukturell gleichen Mitteln, wie sie sich auf jede andere Ortsspezifik einstellen, wenn es nicht gerade ein White Cube ist, d.h. das Besondere des jeweiligen Raumes findet in aller Regel eine wesentliche Berücksichtigung und führt zu Konsequenzen in der künstlerischen Ausdrucksgestaltung. Interessant für die Kirche ist dabei, dass sie gerade im Dialog mit einer so verstandenen freien Kunst zu einem (Wieder-)Entdecken dessen angeregt wird, was über das Offensichtliche hinaus gesehen werden kann. Wir sehen immer mehr als wir verstehen. Das Geheimnis des nicht umfassenden Verständnisses dessen, was wir sehen, ist für die religiöse wie ästhetische Erfahrung gleichermaßen faszinierend. Und eben diese je und je neu sich ergebende Verständnis-„Lücke„ als Qualität des verstehen wollenden Sehens würdigen zu können entspricht der Zweckmäßigkeit guter Kunst. Freilich ist damit gleichzeitig mindestens für die Kirche und wohl auch für einen nicht geringen Teil der gegenwärtig Kunstschaffenden die Hoffnung verbunden, dass durch die wiederholte Zuwendung des Sehens dieses selber geschult wird und zu tieferem Verstehen führt: immer größeres Verstehen um des Geheimnisses des Unverstehbaren willen.
Freilich tun sich Kirchengemeinden nach wie vor schwer mit einer derartigen bewussten Wertschätzung der Gegenwartskunst und die sich immer wieder einstellenden Dialogschwierigkeiten beziehen sich immer noch vielfach auf Urteile und Vorurteile der Vergangenheit, auf Prägungen und Bequemlichkeiten, auf teilweise magisch anmutende Begriffsvorstellungen dessen, was mit dem Wort „sakral„ verbunden zu werden vermag. Wie sehr diese der Gegenwartskunst gegenüber grundsätzlich skeptischen Haltungen nach wie vor verbreitet sind und wie sehr sie auch dem eigentlichen Selbstverständnis von Kirche zuwider sind, das wird beispielsweise daran deutlich, wie sehr auch diese 21 „malhalten„-Kirchen wie die allermeisten Kirchenräume nicht frei vom Frevel religiösen Kitsches sind, der ja gerade das Unvorstellbare und Unverstehbare zur kommoden Schau stellen will. Die überwiegende Zahl der Paramente, die Vielzahl der Kruzifixe, die fast schon seriell anmutenden Darstellungen von Heiligen, sie alle bestätigen den Drang zum Verständlich-machen-Wollen des Unverständlichen, zum Begreiflich-machen-Wollen des Unbegreiflichen. Gute Kunst aber vermag das Verstehen zu befördern und gleichzeitig das Unverständliche zu würdigen. Insofern ist es außerordentlich „zweckmäßig„, Kunst „ohne Zweck„ (ohne Verkündigungsauftrag und ohne Illustrationsfunktion!) im Kirchenraum temporär zu beherbergen, um kirchen- und/oder kunstinteressierten Menschen Gelegenheit zu geben, auf dem Weg des Verstehens ihrer selbst, der Kirche und der Kunst mal zu halten.

Der Titel „malhalten„ verdankt sich zunächst der grundlegenden Überzeugung, für dieses Ausstellungsprojekt kein übergeordnetes Sujet wählen zu wollen. War bei einer vorausgehenden Kirche-Kunst-Aktivität in 14 Kirchen dieser Region noch eine Grundform der Kirche wie der Kunst unter dem Titel „vestigia crucis„ das grundlegende Thema – Kreuzspuren und -bilder –, so will für dieses Projekt der Titel „malhalten„ von der ursprünglichen Idee her nichts weiter als ein Platzhalter sein, der die Kirchenräume als Spielräume und Freiräume für künstlerische Installationen und Interventionen öffnet.
Als Gastgeber lässt sich Kirche auf den Besuch der Kunst ein, so wie sie ist oder sein will. So stellt sich der Besuch mal als klassische Bildhauerarbeit ein, mal als Videoinstallation, mal als Malerei, mal als Fotografie, mal als konzeptkünstlerische Intervention, mal als Holzschnitt, mal als Performance: verschiedene Kunstgattungen und Positionen, 21-mal. „Malhalten„ soll mit der bewussten Vielfalt der künstlerischen Ansätze auch Gelegenheit sein, nach einer Vielzahl an thematischen Ausstellungen in den vergangenen Jahren in einzelnen Kirchenräumen der Region mal zu halten und zu fragen, wo wir stehen: Herkunft und Zukunft des Kunstengagements in den Kirchenräumen dieser Region zu überdenken.

Die Auswahl der Kirchenräume richtet sich vornehmlich entlang eines geographischen Kriteriums. Mit der St. Christophorus-Kapelle auf dem Dunninger Kapf wird die Ausstellungsregion nördlich durch den jüngsten Sakralbau (erbaut 2008/09, entworfen und gestaltet von Tobias Kammerer) begrenzt, wohingegen südlich die Kapelle St. Jakobus und Johannes auf dem Witthoh, gleichfalls ein Sakralbau schon des 21. Jahrhunderts, eine Markierung setzt. Dazwischen wurden 18 Kirchenräume ganz unterschiedlichen Alters und Aussehens ausgewählt.
Nahezu alle hier im Südwesten zwischen Donau und Neckar vertretenen Baustile, von der Gotik, über Barock und Jugendstil, verschiedene „Neo-Stile„ bis hin zu den Bauten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts begegnen dem „malhalten„-Besucher. Ein weiterer Kirchenraum ist im wahrsten Sinne des Wortes besonders herausragend: die Wallfahrtskirche auf dem Dreifaltigkeitsberg oberhalb von Spaichingen. Von dort aus reicht bei gutem Wetter die Sicht bis eben zum Witthoh nach Süden oder dem Dunninger Kapf nach Norden. Hier zeigt der Münchner Bildhauer Werner Mally eine Arbeit mit dem Titel „Ekstasis„. Wer die Serpentinen auf den Dreifaltigkeitsberg hinauf gewandert oder gefahren ist, auf den wartet nicht selten beim Anblick der sich unter ihm ausbreitenden weiten Landschaft ein ekstatisches Gefühl, gleichsam der normalen Horizontperspektive enthoben.

Die Kirchenräume zwischen Witthoh und Dunninger Kapf sind teilweise bewährt in ihrer Gastfreundschaft für die Gegenwartskunst, mehrheitlich jedoch machen sie und nicht weniger die in ihnen beheimateten Kirchengemeindeglieder mit den Besuchen der Kunst im Zusammenhang von „malhalten„ eine neue Erfahrung. Damit geht es ihnen ähnlich wie den meisten Künstlerinnen und Künstlern, die in der Regel umgekehrt „ihren„ Kirchenraum nicht vorher gekannt haben und so aufgrund der bislang unbekannten Ortsspezifik zu neuen Erfahrungen kommen. Die Kuratoren von „malhalten„ haben die Zuordnungen von Kirchenräumen und Künstlerinnen bzw. Künstlern vorgenommen und dabei auch bewusst ortsspezifisch unterschiedliche Kriterien gewichtet, von der grundsätzlichen Eignung des Raumes, über das Interesse der Kirchengemeinde bis hin zu den bislang bekannten Positionen und Optionen der beteiligten Künstlerinnen und Künstler.

In der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler spiegelt sich, entsprechend dem grundsätzlichen Ansatz keine thematische oder formale Vorgabe zu machen, gleichfalls die Vielfalt unterschiedlichster Positionen. Neben den persönlichen Vorschlägen der Kuratoren fand jedoch ein gleichsam wiederum zunächst nur geographisch verstandenes Kriterium Berücksichtigung. So ist etwa die Hälfte der Künstlerinnen und Künstler tatsächlich auch mit ihren Ateliers in der Region verortet und mit ihrem Kunstschaffen vorwiegend in der regionalen Kunstszene beheimatet. Die andere Hälfte stammt aus dem ganzen Bundesgebiet. Diese Verbindung von regionalem Kunstschaffen und überregional ausgewiesenen Positionen soll den qualitätssuchenden Blick möglichst unabhängig von vordergründigen Klischees auf die eigentlichen Arbeiten lenken.
Das Miteinander von weithin bekannten und vielfach ausgewiesenen Namen und solchen, die bislang nur vereinzelt eine überregionale Rezeption erfahren haben, lässt unabhängig von tradierten Wahrnehmungsriten und gewohnten Rezeptionskontexten deutlicher nach der Eigenart des aktuellen Kunstwerks in seiner Ortsbezogenheit fragen. Der Vergleich mit dem Sport, genauer mit dem Fußball sei an dieser Stelle gestattet. Dort gibt es zwar für den normalen Spielbetrieb eine feste Differenzierung nach Leistungs-Ligen, doch dass der Pokal – in dessen Rahmen Teams aus ganz unterschiedlichen Ligen aufeinandertreffen – „seine eigenen Gesetze„ hat, ist eine nicht nur vielzitierte, sondern auch vielfach belegte Wahrheit. In einem solchen Zusammenspiel liegt ein ganz besonderer Reiz: Überraschungsoptionen mit der Freude am Gegenstand selber, unabhängig von seiner Referenz.

Die sich daran unmittelbar notwendig anschließende Frage nach der Qualität öffnet ein weites Feld, auf dem das Ausstellungsprojekt „malhalten„ mit mindestens drei Kriterien aufwarten will.
Alle gezeigten Arbeiten sind keine Kirchenkunst, wohl aber stehen sie alle in bewusster Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum. Die Kirche allgemein stellt immer schon einen eigentümlichen hermeneutischen Kontext bereit. Der Charakter der Andersartigkeit des Kirchenraumes wird jedoch ortsspezifisch unterschiedlich durch Architektur und Ausstattung einerseits und Wahrnehmung andererseits konstituiert. Auf diese Eigenheit seitens der Kunst eingehen zu können ist ein Nachweis ihrer Qualität.
Die Frage, ob das Kunstwerk Bezüge zum Raum aufnimmt, entscheidet umgekehrt auch über die Wirkung der Kunst auf den Raum und damit über die Wahrnehmungsoptionen der Kirchenbesucher und Kunstbetrachter. Sind diese Wahrnehmungsoptionen in ihrer Wechselwirkung zwischen vorhandenem Raum und temporärem Kunstwerk potentiell vielgestaltig und offen für ein je subjektives Sehen und Verstehen, dann ist ein weiteres Qualitätskriterium erfüllt. Die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten sind allesamt nicht eindeutig im Sinne von eindimensional. Sie sind offen für die würdigende Wahrnehmung der puren Formensprache, der reinen Ästhetik oder der künstlerischen Technik, ebenso wie für die freie inhaltliche Assoziation des einzelnen Betrachters, für architektonisch-ikonographische Bezüge zum Raum und nicht zuletzt für den Dialog mit der in diesem Raum zu feiernden Liturgie. Das gottesdienstliche Leben vollzieht sich in allen „malhalten„-Kirchenräumen im gewohnten Umfang. Hinzu kommt jeweils ein einmaliges liturgisches „malhalten„ in allen Kirchen, in dessen Rahmen die für die Liturgie Ortsverantwortlichen ausdrücklich auf die Kunstwerke eingehen und mit diesen Terminen auch für einen überörtlichen Interessentenkreis die Möglichkeit der gemeinsamen liturgischen Würdigung der je besonderen Installation anbieten. Kirche tut weder sich selber noch der Kunst etwas Gutes, wenn sie sich mit ihrem Eigenen nicht zur Kunst äußert. Kunst wird durch dieses Aufnehmen in die Feier des Glaubens nicht „getauft„, wohl aber wirklich ernst genommen. Eine eingehende Würdigung verlangt nach einem ausdrücklichen Austausch und also nach dem Einbringen der verschiedenen formalen und inhaltlichen Ausdrucksweisen und Deutungszusammenhänge.
Keineswegs im Widerspruch zum Kriterium der Ortsbezogenheit steht als ein weiterer Qualitätsnachweis das Potential eines Kunstwerks, auch in einem ganz anderen Kontext „funktionieren„ zu können. Die „malhalten„-Kunstwerke könnten allesamt auch in anderen Wahrnehmungsumgebungen zur Wirkung kommen. Sie sind zwar ortsbezogen, aber nicht ortsgebunden. Sie loten den Spielraum zwischen Bindung und Freiheit im Kirchenraum aus und bringen den Betrachter, gerade auch den Kirchenmuffel oder den Kunstmuffel, zu eigenem Nachdenken über den Zustand des Raumes sowie über die aktuelle und zukünftig mögliche Verortung darin. Insofern will das Ausstellungsprojekt „malhalten„ alle Beteiligten zu Standortbestimmungen einladen.
Zum Schluss dieser einführenden Bemerkungen muss eine weitere Intention angesprochen werden, die mit diesen Kirche-Kunst-Begegnungen verwirklicht werden soll. „Malhalten„ ist eine ökumenische Kirche-Kunst-Initiative. Dies wird vordergründig an der Tatsache erkennbar, dass bei der Wahl der Kirchen darauf geachtet wurde, möglichst in jedem Ort mindestens eine evangelische und eine katholische Kirche als Ausstellungsorte zu integrieren. Ebenso bedeutsam ist nicht zuletzt auch in dieser Hinsicht das durchgehend ökumenisch organisierte Begleitprogramm mit den einzelnen Veranstaltungen. Doch ist dies nur der formale Ausdruck einer inhaltlichen Überzeugung, dass die hie und da nach wie vor verbreitete Zuordnung der katholischen Kirche als einer Kirche der Bilder und der evangelischen Kirchen als solcher des Wortes einer theologischen Prüfung nicht stand hält. Freilich gibt es konfessionell unterschiedlich tradierte Bildverständnisse, verschiedene Raumgestaltungen, doch im theologischen Kern dieser Frage geht es um die Inkarnation der Offenbarung: „Das Wort ward Fleisch„. Das Wort wird sichtbar gegenwärtig und bleibt doch als Bild auf das Wort angewiesen. Das „Ma(h)l halten„ verlangt nach beidem, nach Wort und Bild. Dass die Kirchen mit dem gemeinsamen Mahlfeiern immer noch große Schwierigkeiten haben, das sollte eine umso größere Aufforderung dazu sein, beispielsweise in der Begegnung mit der Kunst die gemeinsamen Ursprünge und die jeweiligen Schätze ästhetischer Erfahrung wertzuschätzen und sie durch ökumenische Reflexion reformiert in das Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern einzubringen. Nach Jahrhunderten, während derer die Kunst als „ancilla ecclesiae„ (dienstbare Magd der Kirche) instrumentalisiert wurde, nach Jahrzehnten des emanzipatorischen Ringens um eine wie auch immer verstandene Autonomie der Kunst sind diese Verhältnisbestimmungen überwunden und es ist zu fragen, welches gemeinsame Interesse die Kirchen an der Kunst haben, welche Verantwortung zur Wahrnehmung und Würdigung der Künstlerinnen und Künstler und welche gemeinsame Form der Begegnung sie finden. „Malhalten„ ist nicht zuletzt ein regionaler Versuch einer Antwort auf diese Fragen nach einer ökumenischen Aufmerksamkeit für Gegenwartskunst.

Marcus Keinath